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Oder ist der RYA Yachtmaster Offshore am Ende doch die bessere Ausbildung?


Unterschätzen viele den Sportseeschifferschein (SSS)?

Wer in das Yachtsegeln einsteigt, hört häufig zuerst vom Sportbootführerschein See. In seinem gesetzlichen Geltungsbereich ist er der entscheidende Pflichtführerschein. Nur: Mit einer fundierten Ausbildung zum Yachtskipper hat das noch wenig zu tun.

Man lernt wichtige Grundlagen, beschäftigt sich mit Schifffahrtsrecht, Navigation, Wetter und Sicherheit. Und in der praktischen Prüfung zeigt man unter anderem, dass man ein über Bord gegangenes Manöverobjekt – salopp gesagt den berühmten Fender – wieder einsammeln kann. Das ist sinnvoll. Aber zum verantwortungsvollen Führen einer Segelyacht fehlt danach noch sehr viel.



Der SKS ist der Einstieg ins eigentliche Yachtsegeln

Wer mehr möchte, landet fast zwangsläufig beim Sportküstenschifferschein, dem SKS. Und ja: Für mich ist das der erste wirkliche Schritt in Richtung Yachtsegeln. Man beschäftigt sich intensiver mit Navigation, Wetter, Seemannschaft und Recht. In der Praxis geht es um Segel setzen und bergen, Manöver unter Segel und Maschine, Navigation, Sicherheitsmanöver und den Umgang mit einer Yacht.

Aber macht der SKS aus einem Teilnehmer bereits einen erfahrenen Yachtskipper?

Meine Antwort ist eindeutig:

Nein.

Er schafft eine Grundlage. Nicht mehr – aber auch nicht weniger.



Nach dem SKS beginnt etwas, das kein Führerschein ersetzen kann

Jetzt kommt der wichtigste Teil:

Erfahrung

Du musst segeln. Du musst unterschiedliche Situationen erleben. Häfen, Wind, Welle, Nachtfahrten, schwierige Entscheidungen, technische Probleme und irgendwann auch Situationen, die nicht mehr exakt so ablaufen, wie sie im Lehrbuch stehen. Aber auch dabei gibt es ein Problem. Erfahrung ist nicht automatisch gute Erfahrung.

Wer jahrelang mit zweifelhaften Methoden unterwegs ist, besitzt nach zehn Jahren vor allem zehn Jahre Erfahrung mit zweifelhaften Methoden.

Deshalb ist entscheidend, von wem und unter welchen Bedingungen man lernt.

Nicht jeder, der eine Yacht von A nach B bewegen kann, ist automatisch ein guter Skipper. Und nicht jeder gute Segler ist auch ein guter Ausbilder.



Und dann tauchen plötzlich zwei Namen auf: SSS und Yachtmaster Offshore

Spätestens wenn ein Skipper mehr möchte, begegnen ihm zwei Qualifikationen besonders häufig:

Und schnell beginnt die übliche Diskussion:

Was ist besser?

Darauf folgen häufig erstaunlich einfache Antworten.

Ich halte von solchen pauschalen Aussagen wenig. Ich kenne beide Systeme aus eigener Ausbildung und habe mich darüber hinaus auch mit Qualifikationen anderer Länder beschäftigt. Meine Erkenntnis:

Auch dort wird nur mit Wasser gekocht.

SSS und Yachtmaster Offshore setzen andere Schwerpunkte und prüfen teilweise völlig unterschiedlich. Genau deshalb lassen sie sich nicht einfach anhand einer einzelnen Prüfung miteinander vergleichen.



Der Yachtmaster Offshore hat eine große Stärke

Die Stärke des RYA-Systems ist offensichtlich:

Der praktische Nachweis des Skipperkönnens spielt beim Yachtmaster Offshore eine zentrale Rolle. Die Prüfung findet auf einer Yacht statt und beurteilt unter anderem Skipperverhalten, Bootsführung, Navigation, Sicherheit, Seemannschaft, Kollisionsverhütung und Meteorologie. Die RYA verlangt außerdem erhebliche praktische Vorerfahrung.

Das ist anspruchsvoll. Und deshalb wäre es Unsinn, den Yachtmaster Offshore kleinzureden. Aber daraus folgt eben nicht automatisch, dass seine gesamte Ausbildung umfassender wäre als die zum SSS.

Schon deshalb nicht, weil es beim Yachtmaster Offshore formal überhaupt keinen zwingend vorgeschriebenen nachgewiesene Basiskenntnisse wie z.B. den Day Skipper oder Yachtmaster Coastal vor der Prüfung erfordert. Kandidaten können sich ihr Wissen und ihre Fähigkeiten auf unterschiedlichen Wegen aneignen. Genau hier liegt einer der großen Unterschiede zum typischen deutschen Ausbildungsweg.



Der SSS wird häufig als „etwas mehr SKS“ missverstanden

Und genau das ist er nicht. Ich erlebe jedes Jahr Teilnehmer, die mit der Vorstellung beginnen:

Ich habe den SKS, ich habe inzwischen einige Meilen gesammelt – dann mache ich jetzt eben noch den SSS.

Und einige Monate später sieht die Einschätzung ganz anders aus. Denn der Sprung vom SKS zum SSS ist erheblich. Ein seriöser SKS-Theoriekurs umfasst ungefähr 20 bis 25 Zeitstunden Unterricht.

Für eine seriöse SSS-Ausbildung muss man eher mit etwa 50 bis 60 Stunden rechnen. In meinem Unterricht sind davon vielleicht drei oder vier Stunden Wiederholung auf SKS-Niveau. Der Rest? Vertiefung oder komplett neuer Stoff. Und danach beginnt erst die eigene Lernarbeit. Aber selbst die, die das Pensum unterschätzt haben machen weiter, weil sie den Mehrwert schnell erfahren.



Was beim SSS plötzlich in die Tiefe geht

Beim SSS wird das Segeln nicht neu erfunden. Aber viele Dinge, die man vorher irgendwie kannte oder intuitiv gemacht hat, bekommen plötzlich einen fachlichen Unterbau.

Es geht unter anderem um:

Der SSS verlangt damit etwas, das beim Yachtmaster-System anders gewichtet wird:

eine sehr breite und systematische theoretische Durchdringung der Yachtführung.

Und genau diese Theorie wird häufig unterschätzt.



„Aber der Yachtmaster ist doch praxisorientierter“

Ja – und nein. Die Yachtmaster-Prüfung ist stark praktisch ausgerichtet. Das stimmt.

Aber daraus die Behauptung abzuleiten, der SSS sei deshalb weniger praxisorientiert oder weniger anspruchsvoll, greift zu kurz. Auch beim SSS muss die praktische Befähigung zum Führen einer Yacht nachgewiesen werden. Die Sportseeschifferscheinverordnung schreibt ausdrücklich eine theoretische und praktische Prüfung vor. Und die praktische SSS-Prüfung hat mit der früher gelegentlich anzutreffenden Vorstellung einer etwas erweiterten SKS-Prüfung nur noch wenig zu tun.

Nach meiner Erfahrung sind die Anforderungen in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen. Ich würde heute sogar sagen:

Eine gute SSS-Praxisprüfung muss den Vergleich mit einer Yachtmaster-Offshore-Prüfung keineswegs scheuen.

Direkt gleichsetzen sollte man beide trotzdem nicht. Prüfungsaufbau, Aufgabenstellung und Bewertungssystem unterscheiden sich dafür zu stark.



Praxis gegen Theorie auszuspielen ist ohnehin der falsche Ansatz

Ein guter Skipper benötigt beides. Praxis ohne Wissen hat Grenzen. Theorie ohne Praxis ebenfalls. Wer eine Wetterentwicklung fachlich versteht, sammelt auf See andere Erfahrungen als jemand, der nur feststellt:

Gestern wurde das Wetter plötzlich schlechter.

Wer Radarplotten verstanden hat, betrachtet ein Radarbild anders. Wer Schifffahrtsrecht wirklich beherrscht, erkennt Situationen früher. Wer Navigation verstanden hat, kontrolliert elektronische Systeme anders. Und wer technische Zusammenhänge kennt, reagiert bei Problemen nicht nur nach Gefühl. Das Entscheidende lautet deshalb:

Wissen ersetzt Erfahrung nicht. Aber Wissen verbessert die Qualität zukünftiger Erfahrung.



Genau hier sehe ich einen entscheidenden Vorteil des SSS

Beim Yachtmaster Offshore steht die vorhandene praktische Befähigung des Kandidaten sehr stark im Mittelpunkt. Das ist eine Stärke des Systems. Beim SSS wird dagegen zusätzlich ein ausgesprochen breites theoretisches Fundament systematisch geprüft. Und dieses Wissen muss man sich erarbeiten.

Nicht irgendwie. Nicht nur so weit, dass man die Yacht am nächsten Tag wieder in den Hafen bekommt. Sondern in Navigation, Wetter, Radar, Recht und Seemannschaft auf einem Niveau, das deutlich über den SKS hinausgeht.

Für einen Skipper, der sich langfristig entwickeln möchte, halte ich genau das für enorm wertvoll.



Eine fiktive Seekarte oder reale Navigation?

Auch in der theoretischen Ausbildung zeigen sich unterschiedliche Philosophien. Im RYA-System werden für Teile der Navigationsausbildung speziell entwickelte Übungskarten und fiktive Reviere verwendet. Das hat didaktische Vorteile: Aufgaben können exakt konstruiert und bestimmte Situationen gezielt trainiert werden.

Ich persönlich bevorzuge dennoch den deutschen Ansatz mit realen Seekarten und realen nautischen Unterlagen. Warum? Weil Navigation für mich möglichst früh mit der Wirklichkeit verbunden sein sollte.

Das ist keine Frage von richtig oder falsch. Aber es ist ein Unterschied in der Ausbildungsphilosophie.



Und welcher Schein ist nun „höherwertiger“?

Diese Frage führt in die falsche Richtung. Der RYA Yachtmaster Offshore ist eine anerkannte und anspruchsvolle britische Qualifikation. Die britische Maritime and Coastguard Agency autorisiert die RYA zur Durchführung der Prüfungen und zur Ausstellung entsprechender Certificates of Competence. Mit den erforderlichen zusätzlichen Voraussetzungen kann der Yachtmaster Offshore auch kommerziell genutzt werden.

Der SSS ist wiederum ein deutscher amtlicher Befähigungsnachweis. Er weist die Befähigung zum Führen von Yachten in küstennahen Seegewässern nach; der deutsche SSS ist zudem als internationales Zertifikat für Küstengewässer bis 30 Seemeilen ausgestaltet.

Es handelt sich also nicht um „richtig“ gegen „falsch“. Es sind unterschiedliche Systeme.



Für deutsche Skipper stellt sich deshalb eine andere Frage

Nicht:

Welcher Schein klingt internationaler?

Sondern:

Welche Qualifikation bringt mich fachlich weiter und passt zu dem System, in dem ich meine Befähigung nachweisen möchte?

Für einen deutschen Skipper, der seine Kenntnisse systematisch vertiefen, ein sehr breites theoretisches Fundament erwerben und seine praktische Erfahrung darauf aufbauen möchte, ist meine Antwort eindeutig:

der SSS.

Hinzu kommt die rechtliche Seite. Bei bestimmten gewerbsmäßig genutzten Sportbooten und Fahrtgebieten verlangt deutsches Recht entsprechende deutsche Befähigungsnachweise. Für küstennahe Seegewässer nennt die See-Sportbootverordnung beispielsweise ausdrücklich den Sportseeschifferschein. Ein Yachtmaster Offshore ersetzt solche national vorgeschriebenen Nachweise nicht automatisch.

Umgekehrt hat der Yachtmaster Offshore selbstverständlich seinen eigenen rechtlichen und beruflichen Anwendungsbereich im britischen MCA-System.

Man sollte die beiden Systeme also nicht miteinander vermischen.



Wird der SSS unterschätzt?

Nach meiner Erfahrung eindeutig: ja. Vielleicht liegt es auch am Namen.

Sportbootführerschein See. Sportküstenschifferschein. Sportseeschifferschein.

Das klingt beinahe wie eine gleichmäßige Treppe:

SBF See → SKS → SSS.

Doch fachlich sind die Stufen keineswegs gleich groß. Der Schritt vom SKS zum SSS ist erheblich. Das merken auch Teilnehmer, die zunächst glauben, den SSS mehr oder weniger als kleines Upgrade des SKS mitnehmen zu können.

Ich habe jedes Jahr Teilnehmer, die meinen SSS-Unterricht ein zweites Mal besuchen, bevor sie sich an die Prüfungen wagen. Das ist bei uns problemlos möglich.

Und viele davon sagen anschließend sinngemäß:

Ich hatte völlig unterschätzt, wie umfangreich der SSS ist.



Brauche ich also den SSS oder den Yachtmaster Offshore?

Wer bewusst eine britische RYA-Laufbahn verfolgt, international in entsprechenden Strukturen arbeitet oder gezielt einen Yachtmaster benötigt, hat gute Gründe für diesen Weg.

Wer aber als deutscher Skipper fragt:

Wie werde ich fachlich ein deutlich besser ausgebildeter Yachtskipper?

dem würde ich nicht zuerst zu einem vermeintlich „internationaleren“ Zertifikat raten. Ich würde den SSS machen. Nicht, weil die RYA schlecht ausbildet. Nicht, weil der Yachtmaster Offshore nichts wert wäre. Sondern weil der SSS genau das vermittelt und prüft, was vielen erfahrenen Skippern noch fehlt:

ein systematisches, tiefes und breit angelegtes nautisches Wissen, das mit vorhandener und zukünftiger Erfahrung verbunden werden kann.

Der Yachtmaster Offshore kann ein hervorragender Nachweis praktischer Skipperkompetenz sein. Der SSS zwingt dich zusätzlich dazu, dich intensiv mit den fachlichen Grundlagen auseinanderzusetzen.

Und wenn mein Ziel nicht nur lautet, eine Yacht irgendwie sicher von A nach B zu bringen, sondern Situationen zu verstehen, Entwicklungen vorauszusehen und Entscheidungen fachlich begründen zu können, dann ist für mich die Konsequenz klar:

Nicht weniger Praxis ist die Lösung.
Mehr Wissen plus mehr Praxis ist die Lösung.

Und genau deshalb wird der SSS noch immer gewaltig unterschätzt.


Zuletzt aktualisiert am: 18.09.2026